Das Buch zum Film. Eine Polemik.

by elbenno on 13. November 2009

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Ein Gastbeitrag in der Astronautenbar von Lizzz (Ein Buch muss die Axt sein):

Als ich neulich in der Buchhandlung meines Vertrauens herumlungerte und an nichts Böses dachte, zumindest an nichts allzu Böses, fiel er mir urplötzlich ins Auge, auf einem meiner All-Time-Top-Ten-Bücher klebend: Der Aufkleber, den ich am meisten hasse von allen Aufklebern dieser Welt.

DAS BUCH ZUM FILM.

Nein, nein, nein, zur Hölle! Man nenne mich meinetwegen übermäßig empfindsam, aber diese beiläufige Dekonstruktion des schriftstellerischen Schaffens lässt mich nicht kalt. Wir erinnern uns: Das Buch war zuerst da. Das Buch hat die eigentliche Arbeit gemacht. Das Buch ist wie der Nerd, der für die cool kids die Hausaufgaben macht und zum Dank auch noch sein Pausenbrot drauflegen muss. Gefeiert wird stattdessen die blonde Klassensprecherin mit den dicken Hupen und dem abgeschriebenen Gedankengut. Das reicht jetzt mit der Analogie. Man weiß, worauf ich hinaus will.

Jedenfalls ist besagter Aufkleber dann der ultimative Arschtritt. Denn er suggeriert dies: Inspiriert von einem epischen Regiekunstwerk hat sich ein sonst bestenfalls durchschnittlicher Autor hingesetzt und extra ein Buch dazu geschrieben! Endlich, das Buch zum Film! Natürlich wird es die Qualität des Films nie erreichen, aber dennoch…

Der Aufkleber ist darüber hinaus ein Symbol für den zeitgeistigen Wunsch nach schneller Konsumierbarkeit. Wozu mühsam einen Wälzer mit 1.000 Seiten lesen, wenn man den Stoff in 90-120 Minuten bewältigen kann, und das auch noch passiv, ganz ohne die eigene Vorstellungskraft zu strapazieren.

Jaja, schon gut, in manchen (Einzel-)Fällen ist’s besser so: die endlosen Naturbeschreibungen und ewigen Wanderungen der „Herr der Ringe“-Protagonisten haben mir in ihrer Penetranz auch nicht unbedingt Freudenschaum vor den Mund treten lassen.

Aber. Es ist eine scheußliche, entwürdigende Sache, wenn Dein Lieblingsbuch aller Zeiten zu einem bestenfalls mittelmäßigen Film verwurstet wird. Und Du gehst, von selbstzerstörerischer Neugier getrieben, ins Kino und hast auf einmal das Gefühl: die haben einen Teil Deiner Gedankenwelt gekidnappt, durch den Wolf gedreht, entstellt und der Öffentlichkeit zum Fraß vorgeworfen. Ach woher, ich bin doch nicht hysterisch.

Danach gehst Du verstört in die nächste Buchhandlung, auf der Suche nach Trost, nach einem neuen lebensverändernden Block Papier. Und da wartet er schon auf Dich, um Dich auszulachen in Deiner Demütigung. Der AUFKLEBER.

Die Welt ist grausam.

Verlässt die Bühne voller Schmerz,
Eure Axt.

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thestiller.de » » Simon’s Cat – Das Buch
27. November 2009 um 15:32

{ 23 comments… read them below or add one }

Dr. Borstel 13. November 2009 um 17:01

“Herr der Ringe” ist nicht das optimale Beispiel, aber trotzdem setze ich unter diesen fabelhaften Gastbeitrag mal ein dickes, fettes WORD! Liebe Lizzz, es geht da nicht nur dir so. Diese Aufkleber sind mir in der Tat ein dicker, fetter Dorn im Auge. Okay, es gibt sie, die Ausnahmefilme, die die Romanvorlage um Längen übertreffen (ich erinnere mich noch, wie ich mich durch Thomas Harris’ “Das Schweigen der Lämmer” durchquälen musste), aber sie sind eben genau das: Eine Ausnahme. Ich hoffe ja sooo sehr, dass mein Lieblingsroman für alle Zeiten von Hollywood verschont bleiben wird …

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Paleica 15. November 2009 um 19:40

was ist denn dein lieblingsroman?

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stiller 13. November 2009 um 17:22

Ich geb dir auch sehr sehr recht. Und frage mich, ob der Sticker “Jetzt im Kino” die Sache besser macht oder nicht.

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Spanksen 13. November 2009 um 18:03

Wirklich toller Beitrag, auch wenn ich dir beim “Herr der Ringe” widersprechen muss, aber Tolkien ist auch ein Extrembeispiel

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Lizzz 13. November 2009 um 18:05

Ja, da hab ich mit gerechnet, dass “Herr der Ringe”-Widerspruch kommt :)

Deshalb hab ich den auch drin gelassen. Weil ich die endlosen Wandereien echt öde fand und immer vorblättern wollte, auch wenn ich das sonst nie mache.

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Dr. Borstel 13. November 2009 um 18:28

Okay, die Wanderungen waren vielleicht nicht jedermanns Sache. Das Buch ist dennoch nicht besser als die Filme, nur anders gut. ;-)

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Spanksen 13. November 2009 um 20:39

Wie, und die elbischen Gedichte hast du auch nicht gelesen? ;-)

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Dr. Borstel 13. November 2009 um 23:48

Unglaublich, die sind doch das Allerbeste! (Und ich muss mir mal wieder vornehmen, das Buch endlich im Original zu lesen; da hab ich’s schon mal.)

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quadratmeter 13. November 2009 um 19:59

Ich sehe mir generell mehr keinen Film an, wenn ich das entsprechende Buch vorher gelesen (und toll gefunden) habe. Denn keiner kann “meine” Schauspieler, Landschaften, Stimmen etc. zufriedenstellend in die Realität umsetzen. Macht mich das jetzt eigentlich zum Privatregisseur? ;)

Schöner Gastbeitrag übrigens! :-)

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donpozuelo 13. November 2009 um 20:56

Toll finde ich auch immer, das tatsächliche “Buch zum Film” – wenn es also eine quasi-Verschriftlichung zum Film gibt. Ich hatte damals das Buch zu “Independence Day” – eine noch bescheuertere Idee als das “Buch zum Film”, wenn das Buch schon lange vorher da war.

Da kann ich LIzz nur Recht geben. Aber irgendwie wollen ja alle davon profitieren – und durch den kleinen, feinen Aufkleber verkauft der zuständige Verlag vielleicht auch noch ein paar Bücher mehr und alle gewinnen – bloss wir nicht :)

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Mathilda 14. November 2009 um 15:32

Fabelhaft polemisiert und sehr amüsant…

Allerdings sehe ich es von einer anderen Warte. Egal wie gut oder schlecht der “Film zum Buch” ist, er regt immer zum Lesen des Werkes an. Nicht umsonst steigen nach eienr Verfilmung die Verkaufszahlen rapide. Somit ist es immer eine gute Werbung und viele Menschen werden auf das heißgeliebte Buch aufmerksam gemacht. Marketing ist eben alles…

Eine unverbesserliche Optimistin. ;)

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Lizzz 16. November 2009 um 11:14

Da stimme ich Dir zu.

Das Buch profitiert vom Erfolg des Filmes. Aber das musste ich ignorieren, sonst wäre mir die Polemik verrutscht :)

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Mathilda 16. November 2009 um 21:26

Wie gesagt: Fabelhaft geschrieben… Polemiken müssen sein… :)

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elbenno 15. November 2009 um 12:18

Ich habe zu Michael Jacksons (schrottigen) “Moonwalker” Musikfilm (!) damals das Buch zum Film gelesen. Nicht weil ich unbedingt MJ-Fan war / bin, sondern weil ich ein kleines Stück Film- und Kinofaszination mit ins Kinderzimmer nehmen wollte. So ganz intim, das Buch und ich.

Ähnlich ging es mir mit den Drei Musketieren (!) (Das Buch zum Film), Indiana Jones 1-3 (Die Bücher zu den Filmen) und Alien 1-3 (Die Bücher zu den Filmen). Es hat mir völlig ausgereicht, an den Stoff dahinter ranzukommen. Egal durch welches Medium, da ich die Filme selber nicht hatte.

Ich glaube, dass die “Film zum Buch”-Faszination wenig mit literarischen Anspruch zu tun hat. Und letztendlich genauso als Werbemittel eingesetzt wird, wie Klappentexte und Rezensionszitate auf dem Umschlag allgemein.

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fernseherin 15. November 2009 um 14:51

Ich habe mir damals das Buch zu Gremlins und zu einem Film über den jungen Sherlock Holmes gekauft, der irgendwann in den 80ern lief.
Das Gremlins-Buch habe ich heiß und innig geliebt. Aber ich war auch 12. ;)

Ich hatte außerdem mal eine Filmausgabe von Dracula, die ich mir speziell wegen des Covers gekauft habe. Und eine Filmausgabe von Odyssee 2001 (ein Geschenk) stand jahrelang ungelesen in meinem Bücherregal, weil mir der Schenker nicht gerade nahe stand und ich dachte, das ist nix für mich (ich war auch erst neun oder zehn, da hat man es vielleicht nicht so mit Büchern, auf denen Embryonen abgebildet sind).
Später fand ich es natürlich toll. ;)

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Vetaro 15. November 2009 um 18:56

Oh, genau, 2001 ist natürlich eine Ausnahme.

Da sind Film und Buch natürlich gute Freunde, nicht etwa abgeschrieben, bzw. brutal verstümmelt und falsch dargestellt, was im anderen vorkommt.

2001 find’ ich aber vorallem wegen des motivierenden Blickes auf die Zukunft gut (auch, wenn sie mitlerweile fast 10 Jahre in der Vergangenheit liegt), nicht so sehr wegen des Endes (also der “Handlung”).

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Paleica 15. November 2009 um 19:39

vielen dank für diesen beitrag und dass das endlich einmal gesagt wurde. mir geht es genauso wie du beschreibst. nur muss ich sagen, dass ich beim 3. anlauf herr der ringe auch bei diesen beschreibungen wie du es nennst Freudenschaum vor dem mund hatte. jede zeile hab ich geliebt.

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Lizzz 16. November 2009 um 11:18

Ich hab’s dann bei zweiten Mal auch ganz gelesen. Ohne vorblättern. Und Tolkiens Sprache ist auch eine, die mir persönlich sehr, sehr gut gefällt. Trotzdem muss ich gestehen: diese Wanderungen waren bei mir effektiver als Schlaftabletten. Bin mehrfach nachts aufgewacht bei brennendem Licht, mit dem Gesicht mitten im Buch, weil ich so komatös weggekippt bin beim Lesen.

Geschmackssache, was will man machen. *schulterzuck*

Und überhaupt an alle: Danke für die netten Worte, es war mir eine Ehre!

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elbenno 16. November 2009 um 16:40

Danke & gerne wieder!

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RooWoo 4. Januar 2010 um 16:50

mein schlimmstes Buch zum Film Erlebnis hatte ich mit 10 oder 11. “Die unendliche geschichte”. habe das Buch gelesen, wieder gelesen, nochmal gelesen, quer gelesen, von hinten nach vorn gelsene, nur die grüne schrift, nur die rote schruift – also, ihr wißt, was ich meine. dann kam der film. und das lied von limahl. danach konnte ich das buch lange, lange nicht mehr lesen, weil der film die bilder in meinem kopf zerstört hat. schlimm!

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elbenno 5. Januar 2010 um 01:37

Das Limahl Lied ist doch okay. ;-) Bei mir war es erst Film, dann aus der Euphorie heraus das Buch. Toll, weil das Buch noch weitererzählt, die Verfilmung war ja nur die halbe Geschichte.

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RooWoo 5. Januar 2010 um 13:59

in der reihenfolge hätte es theoretisch bei mir auch funktionieren können – aber wenn man das buch schon kannte, war der film wirklich sooo enttäuschend – unter anderem gerade weil er nur die halbe geschichte erzählt… aber es gibt natürlicvh auch ganz tolle “film zum buch”-beispiele, will ich nicht unerwähnt lassen. mein favorit ist “high fidelity”, ich finde, stephen frears ist nick hornbys vorlage sehr nah gekommen, ohne sie zu verhunzen…. .-)

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elbenno 7. Januar 2010 um 21:42

Ich gestehe, noch nie Nick Hornby gelesen, und auch nur 1-2 Verfilmungen gesehen zu haben. High Fidelity fand ich auch spitze, About a boy so mittel. Was ich bislang total gemieden habe, waren die filmischen Fortsetzungen – Die Unendlichen Geschichte 2 und 3.

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